Von der Umgehung des Randlosen: Marker in Paris – ein Ausstellungsreport

Als ich an der Metro-Station Bercy ankomme und am Stadion in Richtung der Cinémathèque entlang flaniere, fällt mir ein dass ich mich zwei Jahre zuvor in ähnlich freudiger Erwartung befand. Damals stand ich an einem ergrauten Sonntag mit einem blondierten Menschen an meiner Seite kurze Zeit später vor verschlossenen Türen: Aus nicht ersichtlichen Gründen war sie just an jenem Sonntag geschlossen. Ich lief im angrenzenden Mikro-Park ohne Attraktion herum und versuchte meiner Enttäuschung nicht allzu viel Bühne zu gewähren, was natürlich nicht klappte.

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Von weitem ist Guillaume-en-Égypte zu sehen, klebt übergroß an der Fassade des Filmkunsthauses. Den Eingang zu finden ist nicht einfach. Trotz nicht angebrachter Hinweise drücke ich – instinktiv getrieben – die richtige Türe in die vorgesehene Richtung: fermé! Der Security-Mann steht 30 cm vor mir, die Doppelscheibe trennt uns, er versucht den Eindruck zu vermitteln, er habe nichts mitbekommen. Ich taste vergeblich mit den Augen die Türe nach den Öffnungszeiten ab. 9 Uhr steht auf meiner Broschüre, es ist 9:10 Uhr. Ach, wir sind ja in Frankreich – ich sollte locker bleiben und nebenan einen Kaffee trinken. Hinter mir stürmt ein junger Mann – sichtlich bemüht als schrulliger Filmkritiker betrachtet zu werden – die Türe. Er flucht, klopft hektisch, flucht lauter, grimmassiert entschieden und stellt sich anschließend in den Schatten mit fixiertem Blick auf den noch immer resistenten Security-Mann. 

Gegen halb zehn dürfen wir eintreten – vom Security-Personal (noch) keine Spur. Ich führe ein kleines Stativ sowie eine DSLR mit Mikro mit mir. Das geht klar, meint die Dame am Empfang. Ich unterstreiche mein Anliegen mit der Erwähnung einer fristgerechten Mail an die Direktion, um meinen Besuch offiziell anzukündigen. Sie winkt mich durch. 

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Der Eingangsbereich der Ausstellung ist gekennzeichnet durch die tiefe Stimme einer Sprecherin, einebekannte französische Theater-Schauspielerin auf deren Name ich noch immer nicht komme. Sie zählt die multiplen Berufsbezeichnungen Marker‘s auf. Links und rechts an der Wand des Korridors hin zum Ausstellungsraum, zeigt eine Fototapete das Atelier. Ich erkenne es sofort, erinnere ich mich noch an den ARTE-Beitrag mit Agnès Varda in diesem Arbeitsraum, in welchem Marker mal wieder nicht zu sehen ist, aber hin und wieder Varda dialogisch überführt, mit anderen Worten, zärtlich abblockt.

 

Der erste Ausstellungsraum ist eine Fototapete, die den Betrachter in eine Second Life-Figur hineinversetzen soll. Screenshots als statisches Austellungsdesign und Entsprechung einer solch dynamischen virtuellen Umgebung wie Second Life zu wählen, halte ich spontan für viel zu catchy. Dieser foyerartige Raum lädt zum Nichtverweilen ein, und so entscheide ich mich wie immer gegen die Laufrichtung der Ausstellung. Der Großteil der Räume ist abgedunkelt, mit Spots belegt um Akzentuierungen zu schaffen. Im nächsten Saal ist viel zu viel zu sehen, viel zu eng aneinandergereiht. Das so wenig homogene Werk Marker‘s durch ein chaotisches Arrangement zu übersetzen, halte ich für banal. Die Ausstellung folgt biografischen Kapitel – auch das ist mir zu einfach. Ein Gros ist den 68ern gewidmet, und natürlich ist es das. Schließlich wird die Ausstellung gezielt im Jubiläumsjahr lanciert, von welchem man sich mit Sicherheit ein Plus an Aufmerksamkeit erhofft.

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Mittig im Raum ist ein Rundtisch mit verschiedenen defragmentierten Monitoren platziert, was vielleicht auf die technologische Versessenheit Marker`s verweisen soll. Hier ist unter anderem ein virtuelles Gespräch zwischen Marker und Varda zu sehen, welches das freundschaftliche Verhältnis der beiden nicht verstecken möchte. Immemory ist ebenfalls zu betrachten und zu begehen. Rundherum befinden sich in einer Vitrine eine Sammlung von elektronischen Spielzeugen, wahrscheinlich aus Japan, eine analoge Videokamera des Meisters sowie gerahmte Skizzen zu Level 5 und auch zahlreiche Politcomics – Guillaume stets als gewitzter Platzhalter agierend. Marker`s Liebe zu Russland ist bekannt, und doch zeigt sich immer wieder seine wohl auch ambivalente Haltung. ACHTUNG, DIE RUSSEN SPIONIEREN TRÄUME AUS, besagt eine Schrifttafel aus ca. 1969. Diese und andere recht interessante Fundstücke stammen aus dem Marker-Archiv, dass Marker in Form von 35 Kartonagen der Cinémathèque vermacht hat.

 

Nun der Gau: Ich werde am Filmen gehindert weil ich keine Genehmigung vorweisen kann. Dass ich fristgerecht eine solche beantragt habe, spielt keine Rolle. Ich hätte ja schließlich keine Antwort erhalten. Ich weise das Personal darauf hin, dass eine kulturelle Einrichtung wie diese zu einem Großteil mit öffentlichen Geldern finanziert wird, und dass jedermann Zugang haben sollte; insbesondere wenn durch die Arbeit Werbung und Verbreitung stattfindet. Meine Ausrüstung sei zu professionell. Der Security-Mann findet das Aufsteckmikro problematisch, die Assistentin stört sich am Stativ. Ich bleibe hart und zeige meinen Presseausweis vor, verweise überdies auf die Dame am Empfang die mich gewähren ließ. Zeitsprung.

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Grummelig bin ich noch immer, als ich die Ausstellung verlasse. Ich sitze in einer großen Vorhalle und entscheide mich dafür die Bibliothek aufzusuchen. Wieder vom Instinkt getrieben, spreche ich die Archivarin an. Diese erweist sich als kooperativ und schildert mir die Problematik des Chris Marker-Archivs. Marker hat selbsterklärend keine Auswahl oder Vorarbeit geleistet, als er die Kisten packte. Anstatt das als Statement zu begreifen und den Subtext zu verstehen, ist man in der Direktion der Meinung, man müsse die Kisten samt ihrer Elemente genauso belassen, wie sie waren. Dies erschwert und verunmöglicht eine Systematisierung oder aber Aufarbeitung des Archivs ungemein, was mir ein befreundeter Wissenschaftler später noch einmal bestätigt, und der das Archiv bereits einsehen konnte. Es bräuchte eine regelrechte Armada von Doktorandinnen und Doktoranden, um dieser Informationsexplosion gerecht zu werden, so halbwegs und zeitfern wie irgendwie denkbar. Eine Sekunde lang erliege ich der Versuchung sauer zu sein, dass ich es nicht sein werde. Schwamm drüber! Ein heißer Insider-Tipp verspricht ein versöhnliches Ende. Mein kommender Paris-Aufenthalt wird sich also dem Archiv annehmen…

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Ab 3 Mai 2018: Eine Chris Marker-(Archiv-)Ausstellung und -Retrospektive in der Cinématèque Française

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Die Cinématèque Française in Paris verfügt bekanntlich über das unschätzbare Archiv von Chris Marker. Vom 3. Mai bis einschließlich 29. Juli 2018, zeigt das bedeutendste Filmkunsthaus der Nation gleichwohl eine Retrospektive des Großmeisters als auch eine Ausstellung. Die thematisch biografisch kuratierte Ausstellung zeigt u.a. wegentscheidende Begegnungen mit Cocteau, Artaud und Malraux, Bazin und Maspero, Resnais, Varda und Godard, Signoret, mit Montand und Semprun, mit Tarkovski oder auch Kurosawa.

 

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Die Ausstellung sowie die Retrospektive werden u.a. betreut von niemand geringeres als Raymond Bellour. Es ist daher davon auszugehen, dass das Archiv auch in Zukunft eine wahrlich kompetente Auswertung erfahren wird.

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Wer Filmfestivals regelmäßig frequentiert weiß es längst: Der Einfluss Markers auf das filmische Schaffen so mancher Autoren ist unübersehbar. Regards 9 ist parallel zu den obigen Veranstaltungen eine Art Aufruf für junge Filmemacher (unter 30), die sich am Werk Markers orientieren bzw. konkret beziehen möchten. Eine Auswahl der besten Beiträge wird am 16 bis 17. Mai 2018 am Kulturzentrum Ground Control zu sehen sein.

 

Sämtliche Bildrechte gehören der Cinématèque Française.

HARUN FAROCKI – eine monografische Ausstellung in Marseille

Noch bis zum 18.3.2018 kann in Marseille im Kunstareal Friche la Belle de Mai die Ausstellung namens Empathie besucht werden, die in Zusmmenarbeit mit dem Goethe-Institut realisiert wurde, und überdies im Rahmen des vierzigjährigen Jubiläums des Centre Pompidous stattfindet.

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“Harun Farocki — Empathy” entleiht den Titel und das Konzept einer Ausstellung, die 2016 in der Fundació Antoni Tàpies in Barcelona erstmalig gezeigt wurde, und von Antje Ehmann und Carles Guerra kuratiert wurde.

In Marseille widmen sich neun Installation von 1995 bis 2015 dem Begriff der Arbeit bzw. der Relation zur Arbeit, dem Bild von Arbeit, der Maschinisierung der Arbeit und der zeitgenössische Herausforderungen der heutigen Arbeitswelt.

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Parallel zur Ausstellung erarbeiten Antje Ehmann und Eva Stotz im Rahmen des Projekts Labour in a Single Shot (Eine Einstellung zur Arbeit) ein Filmprogramm, welches ebenfalls in die Ausstellung integriert ist. Das Projekt wurde 2011 von Antje Ehrmann und Harun Farocki konzipiert und stellt eine Serie an sehr kurzen Filmen dar, die in 15 unterschiedlichen Städten gedreht wurde.

In den Workshops geht es darum, Videos von 1 bis 2 Minuten länge zu produzieren, aufgenommen in einer einzigen Einstellung. Die Kamera kann statisch sein, sie kann schwenken oder eine Fahrt machen – nur Schnitte sind nicht erlaubt.

Link zur Projektwebseite von Labour in a Single Shot

 

Fr, 24.11.2017 –
So, 18.03.2018

FRICHE LA BELLE DE MAI

Rue Jobin 41
13003 Marseille

Webseite Friche

 

Cinémathèque du documentaire im Centre Pompidou Paris öffnet ihre Pforten

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Initiiert durch die Autorenvereinigung SCAM (Société civile des auteurs multimedia), befindet sich seit dem 11. Januar 2018 ein Novum in der französischen Hauptstadt: ein Filmhaus, dass sich dezidiert dem Dokumentarfilm verschreibt, wobei dieser Begriff natürlich sehr elastisch zu verstehen ist in Frankreich. Der Beweis ist die erste Veranstaltung:  eine Retrospektive des Niederländers Johan van der Keuken, welche vom 17. Januar bis einschließlich 19. März zu sehen sein wird. Anliegen der Cinématèque bzw. der Autorenvereinigung ist, ein Archiv für Dokumentarfilme anzulegen, und somit die häufig kurzlebige Filmgattung zu konservieren.

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Visages Villages, ein Film von Agnès Varda und JR

Ein Roadmovie über verlassene bzw. zum Teil nicht fertiggestellte Häuser und Siedlungen in Frankreich. JR, der angesagte Street-Artist, konnte für sein Vorhaben Agnès Varda gewinnen, die mit 89 Jahren ihre Offenheit gegenüber neuen Projektkonzepten mal wieder unter Beweis stellt.

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Das Besondere an diesem Film ist der Subtext: die zwischenmenschliche Akzeptanz füreinander. Die beiden Künstler harmonieren unglaublich gut, die Gespräche, seien sie gescriptet oder nicht, enthalten Essenz. Der sympathischen und stets auch bissigen Dame, vermag der sehr klare sowie reflektierte JR mit Respekt zu begegnen, ohne dabei unterwürfig zu wirken. Ein artgerechter Generationen-Handshake!

Warum nicht aus den öden und längst abgehängten sowie brachliegenden Teilen des Landes nicht eine visuelle Collage machen, und die Kommentare im bzw. durch den Film  einstreuen? Dieser in den Raum übertragene Essay beinhaltet zahlreiche schlaue Momente. Eine einfache Idee, aber sie klappt ungemein gut. Ein netter Film, den man sich unbedingt auf einem großen Bildschirm ansehen sollte.

Montag, 8.1.2018: Angela Melitopoulos zu Gast bei Temporal Disorder

Am 8.1.2018 haben Clemens von Wedemeyer und ich die Ehre, die Künstlerin Angela Melitopoulos zu unserer Filmreihe begrüßen zu dürfen. In ihrem Vortrag wird sie, mit Unterlegung audiovisueller Inhalte, u.a. ihre Arbeiten Assemblages und Crossings vorstellen, welche sich im Feld der Künstlerischen Forschung verorten lassen. Melitopoulos arbeitet vorrangig mit Video-Essays, Videoinstallationen und Dokumentarfilm.

Mit ihre wichtigste Arbeit, dürfte die Installation auf der diesjährigen documenta14 Crossings darstellen. In dieser wird das Schicksal von Geflüchteten verhandelt – auch die Vorfahren der Künstlerin kamen aus der Türkei nach Griechenland bzw. wurden sie dorthin deportiert. Ihre eigene Vergangenheit griff Melitopoulos 1999 dezidiert in der Videoarbeit Passing drama auf, wohingegen in Crossings der Bogen zu den syrischen Flüchtlingen gespannt wurde, die in Griechenland „stranden“ und folglich häufig heftigen Traumata ausgesetzt sind. Die Mehrkanal-Video- und Audioinstallation, setzt das Flüchtlingsdrama mit der griechischen Wirtschaftskrise ins Verhältnis. Bilder von Goldminen in Griechenland sind zu sehen, wie auch nachdrückliche Videobilder aus den Flüchtlingslagern auf Piräus oder Lesbos.

 

Angela Melitopoulos
Installationsansicht Crossings / Gießhaus / documenta14

Die komplexen Konzepte der Künstlerin – oft angereichert und realisiert durch Theorien und Gedanken des Soziologen und Philosophen Maurizio Lazzarato – offenbaren eine regelrechte Vielzahl von Reflexionsebenen. Auf der einen Seite werden in ihren Videoarbeiten die zeitlichen medienspezischen Relevanzen von Video ebenso verhandelt, wie seine philosophische Beziehung zu Subjektivität, Gedächtnisarbeit und Geografie. In diesem Kontext untersucht ihr Video-Essay Passing Drama (1999) anhand der Erinnerungen von politischen Flüchtlingen, etwaige Prozesse, die auf dem Zusammenhang zwischen Erinnerung und Vergessen basieren. Imagination, Traumumrundung und -suche, ein audiovisuelles Hin- und Herpendeln zwischen Psychologie und Geografie.

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Angela Melitopoulos studierte Bildende Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf bei Nam Jun Paik. Seit 1985 werden ihre Arbeiten auf internationalen Filmfestivals und in Ausstellungen und Museen (Centre Georges Pompidou Paris, Whitney Museum NY) gezeigt. Sie lehrte weltweit an verschiedenen Universitäten. Aktuell hält sie eine Professur an der Media School der Royal Art Academy in Copenhagen.

Das Screening bzw. der Vortrag findet am 08.01.2018 an der GfZK Leipzig statt. Beginn ist 19 Uhr. Der Eintritt kostet 3€, gewährt aber auch Eintritt in die Sammlungsausstellung der Galerie. Auf Facebook ist die Veranstaltung hier vertreten. 

 

 

 

Vom Pluriversum und Unterwassertieren im Folkwang Museum – ein persönliches Eindrucksprotokoll beim Workshop-Marathon mit und über Alexander Kluge

Workshop-Marathon im Folkwang Museum namens „Ginge da ein Wind / Könnte ich ein Segel stellen: Wäre da kein Segel / Machte ich eines aus Stecken und Plane“. Workshop liest sich poetisch – Workshop klingt gut, da partizipativ. Podium dagegen – insbesondere im Zusammenhang mit Marathon – mutet statisch an und eher anstrengend für das Publikum. Als ich ankomme, sind die Gäste im Eröffnungsraum der Ausstellung versammelt und lauschen einem Vortrag von Bert-Christoph Streckhardt. Ringsherum an den Wänden bis zur Decke, sind Zitate, Phrasen und Wortfragmente von Kluge bzw. aus dessen Werke zu erkennen. Der Kosmos-Kluge: ein Pluriversum – so heisst auch die Ausstellung, kuratiert von Anna Fricke.

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Ein älterer Herr aus dem Publikum wirft die Frage in den (Welt-)Raum, ob denn der normale Museumsbesucher überhaupt eine Chance bekäme, etwas zu verstehen. Schließlich sei alles sehr abstrakt gehalten, um nicht zu sagen, zusammenhangslos. Es brennt mir auf der Zunge. Ich filme gleichzeitig, vermag daher leider nichts beizutragen zur Diskussion. Streckhardt wendet ein dass es ja Broschüren gäbe, die ja ihre Funktion hätten. Der Zeitgenosse und Gefährte Kluges Christian Schulte (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien – Forschungsstelle Alexander Kluge) korrigiert den etwas ungenau argumentierenden Streckhardt gleichwohl elegant als auch resolut, in dem er dem Fragenden auf das Thema Engagement bzw. auf das Zutrauen in Sachen Zuschauer zu sprechen kommt. Dieser müsse sich regelrecht der Spielfreude hingeben, könne ja seine ganz eigenen Assoziationen walten lassen, die allesamt nicht falsch sein könnten. Denn so ist das ja auch gedacht: jede Lesart ist richtig. Spätestens hier möchte ich einfügen, dass die aktive Teilnahme des Zuschauers ein Merkmal des essayistischen Verfahrens ist. Es ist schlicht eine andere Art der Aneignung bzw. Betrachtung von Werken, die eben erst durch jene Mitarbeit der Betrachter, eine Komplettierung erfährt. Ohne dessen dynamische Wahrnehmungs-ersuchung, ist das Gezeigte eine höchst subjektive Gedankencollage, die in der Regel keinen einfachen Zugang gewährt. Ein weiterer älterer Herr aus dem Publikum, der sich einführend als emeritierter Universitäts-Professor kenntlich macht, zitiert mühelos diverse Philosophen, und perforiert die Frage von allen Seiten, jedoch ohne sie zu beantworten. Sehr schön: man lernt auch hiervon, denke ich mir zufrieden!

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Um 19 Uhr sitzen alle ReferentenINNEN gemeinsam auf der Bühne. Kluge möchte von ihnen das Resümee des Tages erfahren. Die amerikanische Künstlerin Sarah Morris scheint es Herrn Kluge angetan zu haben. Er schwärmt von der Zusammenarbeit mit ihr und kündigt eine künstlerische Kooperation an. Viel erfahren wir nicht, aber es wird um Unterwassertiere gehen. Schildkröten? Einen Hinweis gab es bei der vorangegangen Podiumsdiskussion mit Morris schon: „What is the word for Schildkröte?“ 

Ein Helge Schneider-Clip folgt. Ich konnte nie über ihn lachen, doch inzwischen scheint das anders zu sein, denn ich erwische mich beim Schmunzeln. Oder schmunzele ich deshalb, weil Helge Schneider in einem Museum zu sehen ist? Unzählige solcher Videointerviews haben die beiden bereits miteinander realisiert. Was verbindet Kluge und Schneider? Die Trockenheit des Humors? Die Unaufgeregtheit? Ich erinnere mich an einen Satz Kluge’s in Bezug auf Schneider: 

Eine Art, vom Zwerchfell her zu denken, und nicht nur vom Kopf. Die muss man bewahren!

Kluge spricht Gerhard Richter als kontrastierendes Momentum zu Schneider an, um dessen Humor es ihm nicht ginge. Obgleich Richter kein guter Redner zu sein scheint (und seinen Humor versteckt er auch recht gut, wie allgemein bekannt ist) – die Wissenschaftlichkeit in dessen Denken und Werk attestiert ihm Kluge allemal: nämlich eine Wissenschaft in der Kunst bzw. über die Kunst. Überhaupt, so Kluge, müsse man inzwischen Kunst und Wissenschaft vielmehr miteinander in Beziehung setzen. Kluge’s Weltanschauung basiert ja wahrlich auf dem Verlinken und Koppeln wenig homogener Versatzstücke. Er findet immer eine Façon der Andockung. Alles besteht aus Elementen, die wiederum mit anderen interagieren. Nichts steht nur für sich. Doch um diese Verbindungslinien elastischster Art überhaupt herstellen können, bedarf es einer ganz gewaltigen Allgemeinbildung – einem Wissenskosmos. Beim Betrachten seiner Werke, überkommt mich immer wieder ein Gefühl der Erschlagenheit, der Ohnmacht, gegenüber dieser Bibliothek von Babel bzw. von Kluge, die dieser als scheinbar uneinholbarer Ausnahmeuniversalisten unserer Zeit vorlegt. Ganz gleich welchem Medium in Kluge’s Werken man sich auch immer widmet: es ist  bis zum Letzten durchreflektiert. Beispiel Text-im-Bild: Seine Texttafeln, Unter- und Zwischentitel stehen nicht nur für Wortvermittlung: sie sind gestaltet, machen Sinn wie sie sind, selbst wenn sie zunächst wie eine Spielerei mit etwas aus der Mode gekommenen Schriftarten aussehen, die mit einem längst nicht mehr erhältlichen Grafikprogramm kreiert wurden. Dahinter steckt Kalkül, steht eine reifliche Überlegung in Bezug auf die Inszenierung von Text als Bild, ferner, eine Strategie der Entschleunigung. Denn welche/r KünstlerIN macht sich soviel Mühe, die Schrift in einer filmischen Arbeit derart zu stilisieren? Als Betrachter macht es mich froh, wenn ich mir zu einzelnen Wortfragmenten Gedanken machen kann, wie sie vielleicht in Verbindung stehen könnten mit dem Gesamtwerk. Kluge gewährt mir die Zeit, und durch das Videobild, werde ich gezwungen meine Sinne zu schärfen und meinen bloßen Unterhaltsbedarf zu bändigen.

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Wenn man die Ausstellung in Essen betrachtet, stellt man fest dass die Dinge funktional zusammenwirken und nichts deplatziert wirkt. Man vermag die Entscheidungen von Kluge sowie der Kuratorin nachzuvollziehen. Darstellung und Inhalt: Innen und Außen: Denknatur und Produkt. Denn wie kann man derart komplexen rhizomatischen Gedankenplateaus in einen Ausstellungsraum transportieren, und gleichzeitig dem Anspruch der Werke gerecht werden? Erinnerung und Gedächtnisarbeit künstlerisch aufzubereiten, ist nicht zuletzt eine Frage des Verhältnisses von Text, Objekt und Bewegtbild, welches in der hiesigen Ausstellung überlegt und feinjustiert gelingt.

Mir gefällt dieser Abend: der Kino- bzw. Konzertsaal des Museums ist famos. Auf der Bühne steht links eine Kamera, daneben ein LED-Panel, ein Konzertflügel mit dem Pianisten Wolf, und schließlich ganz rechts, die Stühle mit den ReferentenINNEN. Kluge dirigiert sein perfekt eingespieltes und extrem sicher agierendes Filmteam – es geht hin und her zwischen Bildprojektion, Interaktion und musikalischer Interpretation. Immer wieder lässt er Stücke eines geliebten italienischen Komponisten auf dem Flügel intervenieren. Ich komme mir vor wie in einem Godard-Film. Im Hintergrund werden die entsprechenden Partituren eingeblendet: Kluge und seine Liebe zur Musik, insbesondere zur Oper, ist schön zu beobachten. Man ist ein Teil des Kunstwerks. Kluge ist nicht einfach ausstellender Künstler – er verpackt in allem was er tut, allerhöchste Intellektuelle Maßarbeit. Und dabei setzt er sich immer wieder mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit über Formate und Genregrenzen hinweg.

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Schließlich zeigt Kluge noch ein neues Triptychon, ein düsteres diesmal: Bilder von Kriegsverletzungen, von zerschossenen Knochen und Organen in Formaldehyd sind zu sehen, sowie Bezugnahmen und Querverweise anhand von Bildkopplungen. Seine Montage ist sichtlich von Eisenstein beeinflusst, und ich bin sicher dass er auch von Godard sehr viel hält.

Die Veranstaltung hat eine offene Form – es gibt zwar eine gewisse Dramaturgie, die aber offensichtlich abänderbar und fluid ist. Fluid und liquid – diese Worte fallen immer wieder bei Kluge: Die Unterwasserwelt mit all ihren Tieren und Fabelwesen, aber fluid steht auch für das Einweichen der Denkgrenzen. Begriffe werden genannt, manchmal explizit ins Verhältnis zum Tag gesetzt, oder aber einfach in die Zukunftserwartung gepackt. Sind wir hier an diesem Abend in diesem Raum in der Vergangenheit, oder doch nur in der ständigen Behauptung des so flüchtigen Präsenz? Oder aber folgen wir bereits längst der Spur Kluge’s ins Futur, in welchem er noch so einige Projekte zu realisieren gewillt ist? An der Stelle endet der Abend.

Kurz vor dem letzten Slot, bekomme ich ihn persönlich zu sprechen: seine Jugendlichkeit und Frische beeindrucken mich ungemein. In der Wissenschaft wird sicher viel getan um sein Werk konserviert und weitergetragen zu wissen, doch sehe ich es ebenfalls als angemessen an, Alexander Kluge auch bei jüngeren und vielleicht eher künstlerisch-arbeitenden Menschen ins Bewusstsein zu rücken. Ich werde Kluge noch präsenter in meine Lehre einbinden. Genau jetzt, in einer Zeit in der filmische Erweiterungsformen nunmehr ein Paradigma einer videophilen da handyagilen Gesellschaft zu sein scheinen, lassen sich Geschichten polyphon (wieder ein Begriff des Tages) darlegen und darüber das Interesse von immer mehr FilmemacherINNEN bzw. KünstlerINNEN bündeln. Alexander Kluge mag manchem hiervon vielleicht als verstaubt erscheinen, doch lässt man sich einmal auf sein Werk ein, versteht man dass dies kein relevanter Punkt sein kann. Es geht darum das große Ganze zu wollen, und gute Theorie in konkrete Geschichten aufzulösen. Das impliziert Ruhe, Aufmerksamkeit und einen gewissen Hang zur überlegten Geduld. All das spricht nicht gegen eine wertvolle Erfahrung, deren Gehalt nicht zu beziffern ist. 

Die Ausstellung läuft noch bis zum 07.01.2018. Auf 793,79 qm Ausstellungsfläche, werden 28 Filme, 9 Objekte, 4 Audio-Arbeiten, 3 Plakate, 3 Druckgrafiken und 2 Gemälde präsentiert.

Museum Folkwang

Museumsplatz 1

45128 Essen 

https://www.museum-folkwang.de

 

 

 

 

Workshop mit Alexander Kluge: am 7.12. im Folkwang

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Das Folkwang in Essen veranstaltet im Rahmen der gegenwärtigen Alexander Kluge-Ausstellung eine Denkreihe namens  „Im Rausch der Arbeit“. Diese versucht kaleidoskopartig – denn welch Annäherung wäre hierzu besser geeignet – die Arbeitsweise von Kluge zu skizzieren. Die Formate, in welchen die Veranstaltungen stattfinden, sind: Auftritt, Dialog, Podium. Wie das Folkwang schreibt, so „[…] sollen das Pluriversum Kluges in seiner kontinuierlichen Entstehung vor Augen führen.“

Das vollständige Programm als PDF.

Am 7.12. gibt es Gelegenheit, einem Workshop-Marathon beizuwohnen (Format PODIUM).

Ginge da ein Wind / Könnte ich ein Segel stellen.
Wäre da kein Segel / Machte ich eines aus Stecken und Plane.

Namhafte ExpertenINNEN sowie Kluge selbst, widmen sich ganztägig der Frage, wie mit Radikalität umzugehen ist in einer Zeit, in der sie notwendig geworden ist.

 

Sämtliche Bildrechte gehören dem Folkwang Museum.