Veranstaltung in Berlin: Der Essayfilm – sichtbares Denken

Vom 19. bis 21. Oktober widmet sich eine Veranstaltung in Berlin gänzlich dem Essayfilm, wobei ein zentrales Anliegen der Initiatoren ist, ein Essayfilmfestival am Oranienplatz zu etablieren, ganz nach dem Vorbild des Londoner Essayfilmfestivals.

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Das Program findet sich auf: Programm

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Sound-Interview mit Norbert Möslang

Für den Film „Von dem Versuch einer Kritik“ ist nun das Interview mit dem Multifunktionskünstler im Kasten. Der Schweizer Tonimprovisator setzte in mehreren Peter Liechti-Filmen die maßgebliche akustischer Akzentuierung.

Bildschirmfoto 2018-07-17 um 08.58.57Bild: Carina Malgut. Sämtliche Bildrechte liegen bei der Künstlerin

Für meine Arbeit, setzte Möslang den verbal-auditiven Fragen eine entsprechende soundkollagierte Tonlandschaft entgegen, deren Eignung für den Film von herausragender Natur ist.

Die Defragmentierung der klassischen Interviewtechnik als Methode vermeintlicher Wissensgenerierung, entspricht der konzeptuellen Vorstellung des Projekts einer funktionalen Dekonzeption. Ich bin gespannt auf weitere Versuchsreihen jenseits von Dokumentar- und Wissenschaftsfilm.

Dreh bei Gerd Roscher

Ich bin neu in der Hamburger Schule (Dirk von Lotzow).

2003 befinde ich mich an der HfBK Hamburg, trete durch die schwere Holztüre ein und somit erstmalig in die Welt der Kunstakademien. Die StudentINNen erscheinen mir desinteressiert, das Klima anonym. In den Fotografieplenen regen sich die meisten unter ihnen auf, aber

keiner weiß mehr (R. D. Brinkmann).

Es will mir nicht ganz gelingen mich hier wohlzufühlen. Donnerstag 10 Uhr besuche ich die erste Filmseminar-Veranstaltung „Experimenteller Film“. Das Gebäude in der Averhoffstraße ist 10 Minuten zu Fuß vom Hauptgebäude entfernt. Alles ist ruhiger, unaufgeregter, die große Eiche auf dem Hof spendet Schatten. Der Seminarraum ist eine Art Kinosaal. Als es losgeht, sprechen wir nur über etwas, das da ist, und nicht darüber, was nicht zu sein hat. Ein Student zeigt eine Skizze, Videosequenzen, kommentiert es nicht. Niemand sagt etwas, das Bild ist seit einigen Minuten schwarz: kollektives Sinnieren für sich. Der Professor, Gerd Roscher, lehnt sich zufrieden zurück und öffnet gestisch wie symbolisch den Raum für Anregungen. Abends – der Veranstaltungsschluss ist längst düpiert – verabschieden wir uns. Die Diskussion verlief konstruktiv, sachlich, niemand hatte Angst etwas zu zeigen oder zu sagen. Konzepte wurden über den Kopf gedacht, aber durch den Filter des Geistes gejagt, und sensitive Kollisionen zwischen Anspruch und Realisationen waren gern gesehen. Ich gehe zufrieden nach Hause.

15 Jahre später spreche ich mit Gerd Roscher über viele Dinge. Es geht um zeitgenössische Tendenzen, (film-)historische Detailversessenheit aus erster Hand, es geht um Gesetztes und Revidiertes. 50 Jahre nach den 68ern, verläuft die Protestbewegung beim einstigen Adorno und Horkheimer-Student noch immer durch dessen Mark. Es ist keine Verbitterung der vielleicht verblichenen Utopien zu sehen, wie ich bei unserer letzten Begegnung 2005 ein wenig vermutete – stattdessen ein neu entfachter Elan, gekreuzt mit einer tiefen Zufriedenheit und Zuversicht. Der Filmphilosoph erzählt mir von seinem neuen Filmprojekt, und als ich abfahre stelle ich fest, dass auch zwei Wochen nicht ausgereicht hätten um das Gefühl zu beseitigen, man hätte mehr Zeit benötigt.

 

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Von der Umgehung des Randlosen: Marker in Paris – ein Ausstellungsreport

Als ich an der Metro-Station Bercy ankomme und am Stadion in Richtung der Cinémathèque entlang flaniere, fällt mir ein dass ich mich zwei Jahre zuvor in ähnlich freudiger Erwartung befand. Damals stand ich an einem ergrauten Sonntag mit einem blondierten Menschen an meiner Seite kurze Zeit später vor verschlossenen Türen: Aus nicht ersichtlichen Gründen war sie just an jenem Sonntag geschlossen. Ich lief im angrenzenden Mikro-Park ohne Attraktion herum und versuchte meiner Enttäuschung nicht allzu viel Bühne zu gewähren, was natürlich nicht klappte.

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Von weitem ist Guillaume-en-Égypte zu sehen, klebt übergroß an der Fassade des Filmkunsthauses. Den Eingang zu finden ist nicht einfach. Trotz nicht angebrachter Hinweise drücke ich – instinktiv getrieben – die richtige Türe in die vorgesehene Richtung: fermé! Der Security-Mann steht 30 cm vor mir, die Doppelscheibe trennt uns, er versucht den Eindruck zu vermitteln, er habe nichts mitbekommen. Ich taste vergeblich mit den Augen die Türe nach den Öffnungszeiten ab. 9 Uhr steht auf meiner Broschüre, es ist 9:10 Uhr. Ach, wir sind ja in Frankreich – ich sollte locker bleiben und nebenan einen Kaffee trinken. Hinter mir stürmt ein junger Mann – sichtlich bemüht als schrulliger Filmkritiker betrachtet zu werden – die Türe. Er flucht, klopft hektisch, flucht lauter, grimmassiert entschieden und stellt sich anschließend in den Schatten mit fixiertem Blick auf den noch immer resistenten Security-Mann. 

Gegen halb zehn dürfen wir eintreten – vom Security-Personal (noch) keine Spur. Ich führe ein kleines Stativ sowie eine DSLR mit Mikro mit mir. Das geht klar, meint die Dame am Empfang. Ich unterstreiche mein Anliegen mit der Erwähnung einer fristgerechten Mail an die Direktion, um meinen Besuch offiziell anzukündigen. Sie winkt mich durch. 

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Der Eingangsbereich der Ausstellung ist gekennzeichnet durch die tiefe Stimme einer Sprecherin, einebekannte französische Theater-Schauspielerin auf deren Name ich noch immer nicht komme. Sie zählt die multiplen Berufsbezeichnungen Marker‘s auf. Links und rechts an der Wand des Korridors hin zum Ausstellungsraum, zeigt eine Fototapete das Atelier. Ich erkenne es sofort, erinnere ich mich noch an den ARTE-Beitrag mit Agnès Varda in diesem Arbeitsraum, in welchem Marker mal wieder nicht zu sehen ist, aber hin und wieder Varda dialogisch überführt, mit anderen Worten, zärtlich abblockt.

Der erste Ausstellungsraum ist eine Fototapete, die den Betrachter in eine Second Life-Figur hineinversetzen soll. Screenshots als statisches Austellungsdesign und Entsprechung einer solch dynamischen virtuellen Umgebung wie Second Life zu wählen, halte ich  spontan für viel zu catchy. Dieser foyerartige Raum lädt zum Nichtverweilen ein, und so entscheide ich mich wie immer gegen die Laufrichtung der Ausstellung. Der Großteil der Räume ist abgedunkelt, mit Spots belegt um Akzentuierungen zu schaffen. Im nächsten Saal ist viel zu viel zu sehen, viel zu eng aneinandergereiht. Das so wenig homogene Werk Marker‘s durch ein chaotisches Arrangement zu übersetzen, halte ich für banal. Die Ausstellung folgt biografischen Kapitel – auch das ist mir zu einfach. Ein Gros ist den 68ern gewidmet, und natürlich ist es das. Schließlich wird die Ausstellung gezielt im Jubiläumsjahr lanciert, von welchem man sich mit Sicherheit ein Plus an Aufmerksamkeit erhofft.

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Mittig im Raum ist ein Rundtisch mit verschiedenen defragmentierten Monitoren platziert, was vermutlich auf die technologische Versessenheit Marker`s verweisen soll. Hier ist unter anderem ein virtuelles Gespräch zwischen Marker und Varda zu sehen, welches das freundschaftliche Verhältnis der beiden nicht verstecken möchte. Immemory ist ebenfalls zu betrachten und zu begehen. Rundherum befinden sich in einer Vitrine eine Sammlung von elektronischen Spielzeugen und anderen gesammelten Stücken – wahrscheinlich aus Japan– sowie eine analoge Videokamera des Meisters. An einer Wand hängen gerahmte Skizzen zu Level 5 und zahlreiche Politcomics – Guillaume stets als gewitzter Platzhalter agierend. Marker`s Liebe zu Russland ist bekannt, aber es zeigt sich immer wieder seine wohl auch ambivalente Haltung: ACHTUNG, DIE RUSSEN SPIONIEREN TRÄUME AUS, besagt eine Schrifttafel aus ca. 1969. Dass aber auf der anderen Seite russische Filmemacher wie Tarkowski oder Sokurov das Interchangieren zwischen Traum und Erinnerung besonders gut beherrschen, ist unbestritten und hat sicher die künstlerische Federführung von Marker maßgeblich beeinflusst. Diese und andere recht interessante Fundstücke stammen aus dem Marker-Archiv, dass Marker in Form von 35 Kartonagen der Cinémathèque vermacht hat.

 

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Nun der Gau: Ich werde am Filmen gehindert weil ich keine Genehmigung vorweisen kann. Dass ich fristgerecht eine solche beantragt habe, spielt keine Rolle. Ich hätte ja schließlich keine Antwort erhalten. Ich weise das Personal darauf hin, dass eine kulturelle Einrichtung wie diese zu einem Großteil mit öffentlichen Geldern finanziert wird, und dass jedermann Zugang haben sollte; insbesondere wenn durch die Arbeit Werbung und Verbreitung für die Filmkunst stattfindet. Plumpe Antwort: meine Ausrüstung sei zu professionell! Der Security-Mann findet das Aufsteckmikro problematisch, die Assistentin stört sich am Stativ. Ich bleibe hart und zeige meinen Presseausweis vor, verweise überdies auf die Dame am Empfang die mich gewähren ließ. Zeitsprung. 

Grummelig bin ich noch immer, als ich die Ausstellung verlasse. Ich sitze in einer großen Vorhalle und entscheide mich dafür die Bibliothek aufzusuchen. Wieder vom Instinkt getrieben, spreche ich die Archivarin an. Diese erweist sich als kooperativ und schildert mir die Problematik des Chris Marker-Archivs. Marker hat selbsterklärend keine Auswahl oder Vorarbeit geleistet, als er die Kisten packte. Anstatt das als Statement zu begreifen und den Subtext zu verstehen, ist man in der Direktion der Meinung, man müsse die Kisten samt ihrer Elemente genauso belassen, wie sie waren. Dies erschwert und verunmöglicht eine Systematisierung oder aber Aufarbeitung des Archivs, was mir ein befreundeter Wissenschaftler später noch einmal bestätigt, der das Archiv bereits einsehen konnte. Es bräuchte eine regelrechte Armada an Doktorandinnen und Doktoranden, um dieser Informationsexplosion gerecht zu werden, wenn dies überhaupt halbwegs und zeitfern denkbar wäre. Eine Sekunde lang erliege ich der Versuchung sauer zu sein, dass ich es nicht sein werde. Schwamm drüber! Ein heißer Insider-Tipp verspricht ein versöhnliches Ende. Mein kommender Paris-Aufenthalt wird sich also dem Archiv annehmen…

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Ab 3 Mai 2018: Eine Chris Marker-(Archiv-)Ausstellung und -Retrospektive in der Cinématèque Française

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Die Cinématèque Française in Paris verfügt bekanntlich über das unschätzbare Archiv von Chris Marker. Vom 3. Mai bis einschließlich 29. Juli 2018, zeigt das bedeutendste Filmkunsthaus der Nation gleichwohl eine Retrospektive des Großmeisters als auch eine Ausstellung. Die thematisch biografisch kuratierte Ausstellung zeigt u.a. wegentscheidende Begegnungen mit Cocteau, Artaud und Malraux, Bazin und Maspero, Resnais, Varda und Godard, Signoret, mit Montand und Semprun, mit Tarkovski oder auch Kurosawa.

 

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Die Ausstellung sowie die Retrospektive werden u.a. betreut von niemand geringeres als Raymond Bellour. Es ist daher davon auszugehen, dass das Archiv auch in Zukunft eine wahrlich kompetente Auswertung erfahren wird.

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Wer Filmfestivals regelmäßig frequentiert weiß es längst: Der Einfluss Markers auf das filmische Schaffen so mancher Autoren ist unübersehbar. Regards 9 ist parallel zu den obigen Veranstaltungen eine Art Aufruf für junge Filmemacher (unter 30), die sich am Werk Markers orientieren bzw. konkret beziehen möchten. Eine Auswahl der besten Beiträge wird am 16 bis 17. Mai 2018 am Kulturzentrum Ground Control zu sehen sein.

 

Sämtliche Bildrechte gehören der Cinématèque Française.

HARUN FAROCKI – eine monografische Ausstellung in Marseille

Noch bis zum 18.3.2018 kann in Marseille im Kunstareal Friche la Belle de Mai die Ausstellung namens Empathie besucht werden, die in Zusmmenarbeit mit dem Goethe-Institut realisiert wurde, und überdies im Rahmen des vierzigjährigen Jubiläums des Centre Pompidous stattfindet.

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“Harun Farocki — Empathy” entleiht den Titel und das Konzept einer Ausstellung, die 2016 in der Fundació Antoni Tàpies in Barcelona erstmalig gezeigt wurde, und von Antje Ehmann und Carles Guerra kuratiert wurde.

In Marseille widmen sich neun Installation von 1995 bis 2015 dem Begriff der Arbeit bzw. der Relation zur Arbeit, dem Bild von Arbeit, der Maschinisierung der Arbeit und der zeitgenössische Herausforderungen der heutigen Arbeitswelt.

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Parallel zur Ausstellung erarbeiten Antje Ehmann und Eva Stotz im Rahmen des Projekts Labour in a Single Shot (Eine Einstellung zur Arbeit) ein Filmprogramm, welches ebenfalls in die Ausstellung integriert ist. Das Projekt wurde 2011 von Antje Ehrmann und Harun Farocki konzipiert und stellt eine Serie an sehr kurzen Filmen dar, die in 15 unterschiedlichen Städten gedreht wurde.

In den Workshops geht es darum, Videos von 1 bis 2 Minuten länge zu produzieren, aufgenommen in einer einzigen Einstellung. Die Kamera kann statisch sein, sie kann schwenken oder eine Fahrt machen – nur Schnitte sind nicht erlaubt.

Link zur Projektwebseite von Labour in a Single Shot

 

Fr, 24.11.2017 –
So, 18.03.2018

FRICHE LA BELLE DE MAI

Rue Jobin 41
13003 Marseille

Webseite Friche

 

Cinémathèque du documentaire im Centre Pompidou Paris öffnet ihre Pforten

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Initiiert durch die Autorenvereinigung SCAM (Société civile des auteurs multimedia), befindet sich seit dem 11. Januar 2018 ein Novum in der französischen Hauptstadt: ein Filmhaus, dass sich dezidiert dem Dokumentarfilm verschreibt, wobei dieser Begriff natürlich sehr elastisch zu verstehen ist in Frankreich. Der Beweis ist die erste Veranstaltung:  eine Retrospektive des Niederländers Johan van der Keuken, welche vom 17. Januar bis einschließlich 19. März zu sehen sein wird. Anliegen der Cinématèque bzw. der Autorenvereinigung ist, ein Archiv für Dokumentarfilme anzulegen, und somit die häufig kurzlebige Filmgattung zu konservieren.

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Visages Villages, ein Film von Agnès Varda und JR

Ein Roadmovie über verlassene bzw. zum Teil nicht fertiggestellte Häuser und Siedlungen in Frankreich. JR, der angesagte Street-Artist, konnte für sein Vorhaben Agnès Varda gewinnen, die mit 89 Jahren ihre Offenheit gegenüber neuen Projektkonzepten mal wieder unter Beweis stellt.

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Das Besondere an diesem Film ist der Subtext: die zwischenmenschliche Akzeptanz füreinander. Die beiden Künstler harmonieren unglaublich gut, die Gespräche, seien sie gescriptet oder nicht, enthalten Essenz. Der sympathischen und stets auch bissigen Dame, vermag der sehr klare sowie reflektierte JR mit Respekt zu begegnen, ohne dabei unterwürfig zu wirken. Ein artgerechter Generationen-Handshake!

Warum nicht aus den öden und längst abgehängten sowie brachliegenden Teilen des Landes nicht eine visuelle Collage machen, und die Kommentare im bzw. durch den Film  einstreuen? Dieser in den Raum übertragene Essay beinhaltet zahlreiche schlaue Momente. Eine einfache Idee, aber sie klappt ungemein gut. Ein netter Film, den man sich unbedingt auf einem großen Bildschirm ansehen sollte.

Montag, 8.1.2018: Angela Melitopoulos zu Gast bei Temporal Disorder

Am 8.1.2018 haben Clemens von Wedemeyer und ich die Ehre, die Künstlerin Angela Melitopoulos zu unserer Filmreihe begrüßen zu dürfen. In ihrem Vortrag wird sie, mit Unterlegung audiovisueller Inhalte, u.a. ihre Arbeiten Assemblages und Crossings vorstellen, welche sich im Feld der Künstlerischen Forschung verorten lassen. Melitopoulos arbeitet vorrangig mit Video-Essays, Videoinstallationen und Dokumentarfilm.

Mit ihre wichtigste Arbeit, dürfte die Installation auf der diesjährigen documenta14 Crossings darstellen. In dieser wird das Schicksal von Geflüchteten verhandelt – auch die Vorfahren der Künstlerin kamen aus der Türkei nach Griechenland bzw. wurden sie dorthin deportiert. Ihre eigene Vergangenheit griff Melitopoulos 1999 dezidiert in der Videoarbeit Passing drama auf, wohingegen in Crossings der Bogen zu den syrischen Flüchtlingen gespannt wurde, die in Griechenland „stranden“ und folglich häufig heftigen Traumata ausgesetzt sind. Die Mehrkanal-Video- und Audioinstallation, setzt das Flüchtlingsdrama mit der griechischen Wirtschaftskrise ins Verhältnis. Bilder von Goldminen in Griechenland sind zu sehen, wie auch nachdrückliche Videobilder aus den Flüchtlingslagern auf Piräus oder Lesbos.

 

Angela Melitopoulos
Installationsansicht Crossings / Gießhaus / documenta14

Die komplexen Konzepte der Künstlerin – oft angereichert und realisiert durch Theorien und Gedanken des Soziologen und Philosophen Maurizio Lazzarato – offenbaren eine regelrechte Vielzahl von Reflexionsebenen. Auf der einen Seite werden in ihren Videoarbeiten die zeitlichen medienspezischen Relevanzen von Video ebenso verhandelt, wie seine philosophische Beziehung zu Subjektivität, Gedächtnisarbeit und Geografie. In diesem Kontext untersucht ihr Video-Essay Passing Drama (1999) anhand der Erinnerungen von politischen Flüchtlingen, etwaige Prozesse, die auf dem Zusammenhang zwischen Erinnerung und Vergessen basieren. Imagination, Traumumrundung und -suche, ein audiovisuelles Hin- und Herpendeln zwischen Psychologie und Geografie.

pd_am Videostill aus Passing drama, 1999

Angela Melitopoulos studierte Bildende Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf bei Nam Jun Paik. Seit 1985 werden ihre Arbeiten auf internationalen Filmfestivals und in Ausstellungen und Museen (Centre Georges Pompidou Paris, Whitney Museum NY) gezeigt. Sie lehrte weltweit an verschiedenen Universitäten. Aktuell hält sie eine Professur an der Media School der Royal Art Academy in Copenhagen.

Das Screening bzw. der Vortrag findet am 08.01.2018 an der GfZK Leipzig statt. Beginn ist 19 Uhr. Der Eintritt kostet 3€, gewährt aber auch Eintritt in die Sammlungsausstellung der Galerie. Auf Facebook ist die Veranstaltung hier vertreten.