Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft zum Thema „KRITIK“

Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft ||| Freie Universität Berlin ||| 28.9. − 01.10.2016

Kritik ist nicht einfach – weder ihre qualifizierte Ausübung noch ihr beizukommen. Die Tagung an der FU versuchte aus medienwissenschaftlicher Sicht einen zeitgenössischen Reflexionsraum für die Kritik zu öffnen bzw. das Verhältnis von Kritik und Medien zu untersuchen.

Das erste Panel vertiefte den Zusammenhang von Medien und Behinderung auf der Grundlage einer soziologisch interessierten Theorie der Medienpraktiken. Dazu wurden die „Medien der Account(dis)ability“ thematisiert. Der Ansatz ist der, in und über Medien kritisch zu reflektieren bzw. der Frage nachzugehen was Medien überhaupt sind und wie sie soziale Praktiken gestalten.

gfm2016_001
Das Panel „Kritik üben“ mit fokussierte sich auf die Praxeologie des Einübens und Ausübens von Kritik, ausgehend von Foucaults Ansatz. Besonders denkenswert war der Vortrag von Verena Pöhnls über die E-Zigarette bzw. über das Kritik-Üben als Oszillieren zwischen selbsttechnologischen Subjektkonstitutionen, staatlicher Gesundheitskontrolle und Lifestyle. Louise Haitz analaysierte dagegen mikropolitische Meinungsäußerungen in Facbeookkommentaren aus medienethnografische Pespektive.

Der aus meiner Sicht interessanteste Vortrag war im Panel „Kritik der Medientheorie“ implementiert. In „Die Form der Kritik – Zur Geburt der Medientheorie aus dem Geiste des Essayismus“ konstatierte Christoph Ernst (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) in Bezug auf die essayistische Tradition, ihre wesentliche Bedeutung für die Ausdifferenzierung der kritischen Perspektive der Medientheorie. Dabei unterstrich er das grenzüberschreitende Potential des essayistischen Verfahrens, in dem er seinen ‚Modus der Reflexion‘ heraushob, bei dem die Form der Schreibweise ein integraler Teil der methodischen Zugriffsweise ist. Ferner erfolgte ein zeitgenössischer Rekurs auf Flusser und Derrida, ausgehend von theoretischen Brückenlegungen von Michel Serres und Günter Anders.

Im von Ursula von Keitz (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf) moderierten Panel namens „Wirklichkeit der Kritik/Kritik der Wirklichkeit – Zu den kritischen Dimensionen des Dokumentarischen im Film„ wurde anhand dreier Beispiele exemplarische Perspektiven auf Kritik und Dokumentarfilm im deutschen Film gegenübergestellt. Diese entstammen aus der Arbeit am DFG-Forschungsprojekt „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005″. Insbesondere der Vortrag von Philipp Blum (Haus des Dokumentarfilms) mit dem Titel „Experimentelle Doku-Fiktionen als ästhetische Kritik einer filmischen Gattungsbinarität“ war aufschlussreich. Die Feststellung, dass Kritik in Formaten wie Fake-Documentaries oder Mock-Documentaries nicht nur in einem ästhetisch immanenten Performativitäts- und Reflexionszusammenhang filmischer Formen steht, sondern dass erheblich auf mediale, historische, politische und soziale Kontexte Einfluss ausgeübt wird, war hierbei ein präzis ausgearbeitetes Resultat seiner Studie.

 

Insgesamt eine sehr umfang- und inhaltsreiche Veranstaltung, deren zeitgenössischer Kontext sehr explizit dargestellt wurde.

Das komplette Programm: PROGRAMM

 

 

Advertisements