Perspektivenwechsel: Les sauteurs, DK 2016 – Regie: Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou B. Sidibé

Ein denkenswerter filmischer Versuch, dem Genre Dokumentarfilm eine sinngebende Erweiterungmaßnahme zu verpassen. In „Les sauteurs“ wird auf der methodischen Seite die Frage verhandelt, was ein ‚Sehen ohne selbst gesehen zu werden‘ bedeutet; Harun Farocki interessierte sich bekanntlich dezidiert für dieses Sujet. Überwachungskameras, angebracht hoch oben an den Sicherheitszäunen, die ein Land vom Anderen trennen, ihre Infrarotbilder mit kleinen weißen Punkten, welche die rennenden überwiegend schwarzen Frauen, Kinder und Männer im eigentlich Dunklen zeigen, verzerrt, verfremdet, computerbinär entstellt. Wir kennen diese Bilder – ob von der mexikanisch-amerikanischen Grenze oder vom Leuchtturm in Lampedusa ausgehend. Selbst derart abstrahiert, sind die hastigen Bewegungen, das Fluchtmoment, das Momentum der Angst, der Befürchtung erwischt zu werden, deutlich zu erkennen. Zu erkennen als skizzierte Minimalandeutung, die in uns durch all die Medienbilder eine konkrete politische Bewertungsdimension, unsere Haltung, tangiert. Dass dies ausreicht, hat Philipp  Scheffner in „Havarie“ eindrucksvoll bewiesen, doch auch „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi hat als Film mit Tendenz zur Film-/Kulturvermittlung seine Berechtigung. Und dennoch: So nah am Elend dabei zu sein und nicht humanistisch bedingt lebenserhaltende Nächstenhilfe zu leisten, stattdessen aber das Geschehen zu filmen, ist und bleibt sicher ein legitimer wie auch streitbarer Punkt. „Les sauteurs“ lässt nun die Flüchtlinge selbst die Kamera in die Hand nehmen und  ihre ‚Reiseroute‘ dokumentieren. Der Regisseur Abou Bakar Sidibé aus Mali ist zugleich Kameramann. Dass wir die Bilder derart spannend finden ist gewiss auch dem natürlichen Anteil an Voyeurismus in uns zu verdanken.  Auf der anderen Seite geht es aber um einen Erkenntnisgewinn: Die Leinwand ist nicht länger die Trennlinie zwischen Gemütlichkeit und Realgeschehen.

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Les sauteurs, DK 2016 – Regie: Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou B. Sidibé. Arsenal, 79 Min.

TRAILER 

 

Bildquelle: Sämtliche Rechte besitzt das Arsenal Berlin

 

 

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