.. Projekt

Als Montaigne in seiner Zeit den Essay als literarische Form der individuellen (Selbst-)Erfahrung entwickelte, gab es nichts vergleichbares. Der Essay vermochte Grenzen zu umgehen, die andere Gattungen nicht überwinden konnten.

Die schriftliche Forschungsarbeit befasst sich mit der Frage, wie sich der Übertrag des Essayismus in das digitale Zeitalter mit all dessen Metaarten des Bewegtbilds vollzieht. Dabei widmet sie sich, nach einer historischen Herleitung, dezidiert möglichen Merkmalen und Erscheinungsformen des Essays bzw. untersucht, inwiefern Essayismus als Entscheidung in einem Werk, diese schwer zu fassende Maßnahme der (Selbst-) Reflexion und multiperspektivische Perforation eines Sujets, in interaktiven und/oder internetbasierenden Formaten Entfaltung findet. Überdies werden unterschiedliche Kontexte studiert, in welchem heutzutage essayistische Arbeiten im Bereich Bewegtbild vorkommen: Über Werkanalysen ausgesuchter Arbeiten von Harun Farocki, Chris Marker, Alexander Kluge, Kevin B, Lee und Philipp Scheffner, wird versucht werden, die disparaten Einsatzgebiete nachzuweisen.

Was ist der Essay eigentlich im Jahr 2019/2020? Eine Weltsicht, eine intellektuelle Art der Kritik oder aber eine Filmsprache?

So wie der Essay mit vielen Versatzstücken arbeitet, besteht der künstlerische Teil der Forschung, ein filmischer Essay, ebenfalls aus mehreren Bausteinen. Experten*innen-Interviews mit Filmessayisten wie Eduard Schreiber, Expertinnen mit künstlerischen Essays wie Angela Melitopoulos, Videoessayisten wie Kevin B. Lee, aber auch Filmwissenschaftlern*innen wie Prof. Dr. Winfried Pauleit, stellen einen Baustein dar.

Der Faszination für den Essay war auch Adorno erlegen, der sich mit Lukács, einem Kritiker des Essayismus, so manches produktives Wortduell lieferte. Der Adorno-Student Alexander Kluge, drehte mit seinem Film von 1966 „Abschied von gestern“ einen Klassiker des Neuen Deutschen Films, einen Essayfilm. Adorno, dessen Abneigung gegen das Bewegtbild in mehreren Quellen nachzuweisen ist, veröffentlichte einen Aufsatz namens „Der Essay als Form“, der bis heute medienunabhängig als Basislektüre für den Essayismus gilt. Als der Doktorand/Filmemacher vor Jahren bei Gerd Roscher, ebenfalls einstiger Adorno-Student, in Hamburg ein Gastsemester absolviert, später im Atelier von Paul Klee an der Bauhaus-Universität Weimar studiert und immer wieder an ganz verschiedenen Orten auf das Bild „Angelus Novus“ von Klee stößt, nimmt die persönliche Eingebundenheit ihren Lauf, die ein weiteres Narrativ im Film darstellt. Über gattungsspezifische Grenzen von Literatur, Film und Kunst hinweg, die u.a. nach Weimar, Essen, Paris oder Portbou führen, werden Bedeutungszusammenhänge durch assoziatives Fingerspiel freigelegt.