Von der Umgehung des Randlosen: Marker in Paris – ein Ausstellungsreport

Als ich an der Metro-Station Bercy ankomme und am Stadion in Richtung der Cinémathèque entlang flaniere, fällt mir ein dass ich mich zwei Jahre zuvor in ähnlich freudiger Erwartung befand. Damals stand ich an einem ergrauten Sonntag mit einem blondierten Menschen an meiner Seite kurze Zeit später vor verschlossenen Türen: Aus nicht ersichtlichen Gründen war sie just an jenem Sonntag geschlossen. Ich lief im angrenzenden Mikro-Park ohne Attraktion herum und versuchte meiner Enttäuschung nicht allzu viel Bühne zu gewähren, was natürlich nicht klappte.

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Von weitem ist Guillaume-en-Égypte zu sehen, klebt übergroß an der Fassade des Filmkunsthauses. Den Eingang zu finden ist nicht einfach. Trotz nicht angebrachter Hinweise drücke ich – instinktiv getrieben – die richtige Türe in die vorgesehene Richtung: fermé! Der Security-Mann steht 30 cm vor mir, die Doppelscheibe trennt uns, er versucht den Eindruck zu vermitteln, er habe nichts mitbekommen. Ich taste vergeblich mit den Augen die Türe nach den Öffnungszeiten ab. 9 Uhr steht auf meiner Broschüre, es ist 9:10 Uhr. Ach, wir sind ja in Frankreich – ich sollte locker bleiben und nebenan einen Kaffee trinken. Hinter mir stürmt ein junger Mann – sichtlich bemüht als schrulliger Filmkritiker betrachtet zu werden – die Türe. Er flucht, klopft hektisch, flucht lauter, grimmassiert entschieden und stellt sich anschließend in den Schatten mit fixiertem Blick auf den noch immer resistenten Security-Mann. 

Gegen halb zehn dürfen wir eintreten – vom Security-Personal (noch) keine Spur. Ich führe ein kleines Stativ sowie eine DSLR mit Mikro mit mir. Das geht klar, meint die Dame am Empfang. Ich unterstreiche mein Anliegen mit der Erwähnung einer fristgerechten Mail an die Direktion, um meinen Besuch offiziell anzukündigen. Sie winkt mich durch. 

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Der Eingangsbereich der Ausstellung ist gekennzeichnet durch die tiefe Stimme einer Sprecherin, einebekannte französische Theater-Schauspielerin auf deren Name ich noch immer nicht komme. Sie zählt die multiplen Berufsbezeichnungen Marker‘s auf. Links und rechts an der Wand des Korridors hin zum Ausstellungsraum, zeigt eine Fototapete das Atelier. Ich erkenne es sofort, erinnere ich mich noch an den ARTE-Beitrag mit Agnès Varda in diesem Arbeitsraum, in welchem Marker mal wieder nicht zu sehen ist, aber hin und wieder Varda dialogisch überführt, mit anderen Worten, zärtlich abblockt.

Der erste Ausstellungsraum ist eine Fototapete, die den Betrachter in eine Second Life-Figur hineinversetzen soll. Screenshots als statisches Austellungsdesign und Entsprechung einer solch dynamischen virtuellen Umgebung wie Second Life zu wählen, halte ich  spontan für viel zu catchy. Dieser foyerartige Raum lädt zum Nichtverweilen ein, und so entscheide ich mich wie immer gegen die Laufrichtung der Ausstellung. Der Großteil der Räume ist abgedunkelt, mit Spots belegt um Akzentuierungen zu schaffen. Im nächsten Saal ist viel zu viel zu sehen, viel zu eng aneinandergereiht. Das so wenig homogene Werk Marker‘s durch ein chaotisches Arrangement zu übersetzen, halte ich für banal. Die Ausstellung folgt biografischen Kapitel – auch das ist mir zu einfach. Ein Gros ist den 68ern gewidmet, und natürlich ist es das. Schließlich wird die Ausstellung gezielt im Jubiläumsjahr lanciert, von welchem man sich mit Sicherheit ein Plus an Aufmerksamkeit erhofft.

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Mittig im Raum ist ein Rundtisch mit verschiedenen defragmentierten Monitoren platziert, was vermutlich auf die technologische Versessenheit Marker`s verweisen soll. Hier ist unter anderem ein virtuelles Gespräch zwischen Marker und Varda zu sehen, welches das freundschaftliche Verhältnis der beiden nicht verstecken möchte. Immemory ist ebenfalls zu betrachten und zu begehen. Rundherum befinden sich in einer Vitrine eine Sammlung von elektronischen Spielzeugen und anderen gesammelten Stücken – wahrscheinlich aus Japan– sowie eine analoge Videokamera des Meisters. An einer Wand hängen gerahmte Skizzen zu Level 5 und zahlreiche Politcomics – Guillaume stets als gewitzter Platzhalter agierend. Marker`s Liebe zu Russland ist bekannt, aber es zeigt sich immer wieder seine wohl auch ambivalente Haltung: ACHTUNG, DIE RUSSEN SPIONIEREN TRÄUME AUS, besagt eine Schrifttafel aus ca. 1969. Dass aber auf der anderen Seite russische Filmemacher wie Tarkowski oder Sokurov das Interchangieren zwischen Traum und Erinnerung besonders gut beherrschen, ist unbestritten und hat sicher die künstlerische Federführung von Marker maßgeblich beeinflusst. Diese und andere recht interessante Fundstücke stammen aus dem Marker-Archiv, dass Marker in Form von 35 Kartonagen der Cinémathèque vermacht hat.

 

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Nun der Gau: Ich werde am Filmen gehindert weil ich keine Genehmigung vorweisen kann. Dass ich fristgerecht eine solche beantragt habe, spielt keine Rolle. Ich hätte ja schließlich keine Antwort erhalten. Ich weise das Personal darauf hin, dass eine kulturelle Einrichtung wie diese zu einem Großteil mit öffentlichen Geldern finanziert wird, und dass jedermann Zugang haben sollte; insbesondere wenn durch die Arbeit Werbung und Verbreitung für die Filmkunst stattfindet. Plumpe Antwort: meine Ausrüstung sei zu professionell! Der Security-Mann findet das Aufsteckmikro problematisch, die Assistentin stört sich am Stativ. Ich bleibe hart und zeige meinen Presseausweis vor, verweise überdies auf die Dame am Empfang die mich gewähren ließ. Zeitsprung. 

Grummelig bin ich noch immer, als ich die Ausstellung verlasse. Ich sitze in einer großen Vorhalle und entscheide mich dafür die Bibliothek aufzusuchen. Wieder vom Instinkt getrieben, spreche ich die Archivarin an. Diese erweist sich als kooperativ und schildert mir die Problematik des Chris Marker-Archivs. Marker hat selbsterklärend keine Auswahl oder Vorarbeit geleistet, als er die Kisten packte. Anstatt das als Statement zu begreifen und den Subtext zu verstehen, ist man in der Direktion der Meinung, man müsse die Kisten samt ihrer Elemente genauso belassen, wie sie waren. Dies erschwert und verunmöglicht eine Systematisierung oder aber Aufarbeitung des Archivs, was mir ein befreundeter Wissenschaftler später noch einmal bestätigt, der das Archiv bereits einsehen konnte. Es bräuchte eine regelrechte Armada an Doktorandinnen und Doktoranden, um dieser Informationsexplosion gerecht zu werden, wenn dies überhaupt halbwegs und zeitfern denkbar wäre. Eine Sekunde lang erliege ich der Versuchung sauer zu sein, dass ich es nicht sein werde. Schwamm drüber! Ein heißer Insider-Tipp verspricht ein versöhnliches Ende. Mein kommender Paris-Aufenthalt wird sich also dem Archiv annehmen…

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